ViolaViva's Kostbarkeiten bei Music4Viola greifbar



Der Bratschist Helmut Pfrommer übergab seinen Musikverlag ViolaViva per 1. Januar 2020 an Hansruedi Gräf der auch für Music4Viola verantwortlich ist. Damit hat er seine wunderbaren Bearbeitungen einem größeren Interessentenkreis zugänglich gemacht.

Niklaus Rüegg – Beim 1939 in Stuttgart geborenen Helmut Pfrommer deutete anfangs nicht viel auf eine musikalische Laufbahn hin. Er liess sich zunächst zum Architekten ausbilden und arbeitete einige Jahre
Helmut Pfrommer
auf dem erlernten Beruf. Nachdem er sich zum Lehrer für Berufsschüler der Bauberufe umschulen liess, unterrichtete ab 1969 an der Gewerblichen Berufsschule Schorndorf. 1965 hatte er die Violinpädagogin Agathe Pfrommer geheiratet. Der Ehe entsprangen eine Tochter und zwei Söhne. Mit seiner Frau musiziert er bis heute in Kammermusik-Formationen.
Sein Vater, ein Amateurgeiger, brachte Helmut schon früh mit klassischer Musik in Kontakt, doch von der Musikbegeisterung wurde Pfrommer erst mit 17 Jahren so richtig befallen. Es folgte ein intensives Musizieren in Kammermusik-Ensembles. Schon in den 70er Jahren begann er damit, kammermusikalische Werke von Bach, Mozart unter anderem für Bratsche bzw. Bratschenmitwirkung umzubauen. Doch erst 2006, einige Jahre nachdem er vorzeitig pensioniert wurde, gründete er seinen eigenen Verlag ViolaViva und sorgte damit für eine bessere Greifbarkeit seiner kostbaren Sammlung, die mittlerweile rund 70 Ausgaben umfasst. Die Verkaufszahlen sind in den vergangenen 14 Jahren von Jahr zu Jahr gestiegen. Spitzenreiter ist Corellis «La Follia» gefolgt von Telemanns sechs Sonaten op.2 Heft 1, Händels 4 Blockflötensonaten, Mozarts Sonate in e-moll KV304 und den Duetten aus dem «Wohltemperierten Klavier».

Herr Pfrommer, Sie sind Bratschist, hatten aber eine ganz andere, nicht musikalische berufliche Laufbahn eingeschlagen. Sind Sie ein Leben lang zweigleisig gefahren?
Schon als Kind hatte ich zunächst Klavierunterricht; etwas später dann Violinunterricht. Doch erst mit 17 Jahren nach Abschluss der Schulzeit - der Berufswunsch war schon in Richtung Architektur und fürs Studium Bauwesen entschieden - setzte die große Musik-Begeisterung ein, nicht zuletzt zusammen mit verbessertem qualifizierten Instrumentalunterricht und dem Wechsel zur Bratsche, um eine Mitwirkung im Streichquartett zusammen mit Freunden zu ermöglichen.

Wie kam es dazu, dass Sie ab 2006 den Verlag ViolaViva aufbauten?
Bevor ich 2006 meinen ViolaViva-Musikverlag gründete, hatte ich schon 1987 eine kleine Sammlung von 16 Präludien und Fugen aus Bachs Wohltemperierten Klavier I für die Besetzung  Streichtrio (Violine, Viola, Cello) im Selbstverlag herausgegeben.
Als dann nach meiner Pensionierung im Jahr 2000 mehr Zeit zur Verfügung stand, begann ich, mit einem digitalen Notenschreibprogramm (Capella) meinen vielen handschriftlichen Bearbeitungen nach und nach ein schöneres und leicht ablesbares Aussehen zu verpassen. Im Jahr 2005 bemühte ich mich dann vergeblich um Veröffentlichung einiger meiner Ausgaben. Dies war das Signal zum eigenen Verlag, der dann im Sommer 2006 mit anfangs 19 Ausgaben gegründet wurde.

Sie sind nicht nur Verleger, sondern auch Bearbeiter und Herausgeber. Woher kommt die Leidenschaft für diese Tätigkeiten?
Schon in jüngeren Jahren (ab ca. 1970) suchte ich geeignete Musikstücke, um sie (handschriftlich) in «bratschenfreundliche» Besetzungen umzuwandeln. Es entstanden in wechselnder Reihenfolge
  • die ersten 3- und 4-stimmigen Fugen aus Bachs Wohltemperierten Klavier I für Streichtrio/Streichquartett,
  • einige Präludien daraus oder aus anderen Klavierwerken Bachs für Duo (Violine + Viola),
  • die ersten Viola-Einzelstimmen (anstelle von Cello), um die Besetzung eines Klaviertrios zu ermöglichen.
  • die ersten Versuche, Violinsonaten von Mozart und Händel in Violasonaten umzuwandeln.
Alle diese Bemühungen dienten lediglich dem Zweck, die Spielmöglichkeiten für den Eigenbedarf an Kammermusik mit Bratschenbeteiligung zu vergrößern, wobei nicht nur das Spielen dieser Bearbeitungen sondern auch schon das «Umbauen» selbst, das Suchen und Finden des bestmöglichen Kompromisses dem Urtext gegenüber, Spass und Befriedigung brachte.
 
 
Unter Ihren Transkriptionen für Bratsche findet sich viel Kammermusik, unter anderem von Bach, Mozart, Beethoven, Mendelssohn, Schubert und anderen. Worauf kommt es Ihnen bei dieser Arbeit vor allem an?
Bei Bearbeitungen, wie ich sie auffasse, verändert sich durch die neue Besetzung, durch das veränderte Instrumentarium zunächst mal der Klang (Streicher statt Cembalo; Bratsche statt Geige usw.). Weitere Veränderungen können sich beim Tonsatz ergeben, wenn z. B. im Klaviertrio die Bratsche die Cellostimme übernimmt und gelegentlich oktaviert werden muss. Dies ist ja auch der Grund, weshalb Urtextfanatiker grundsätzlich keine «Arrangements» spielen wollen. Auch ich habe große «Ehrfurcht» vor dem Urtext: Alle meine Bearbeitungen stützen sich auf den jeweiligen Urtext. Ich kennzeichne z.B. alle von mir eingefügten Bindebögen und dynamische Angaben, wenn sie nicht dem Urtext entsprechen. Grundsätzlich empfinde ich das Spielen von Bearbeitungen nicht verwerflich; wenn ein Meisterwerk in verändertem Instrumentarium «anders» klingt, kann dies genauso interessant, oder eben «anders schön» klingen.

Wo sind die Grenzen der Bearbeitbarkeit?
Ist ein Musikstück ausgesprochen «klavieristisch», lässt es sich nicht für Streicher bearbeiten. Bei meinen Bemühungen, eine Streicherfassung von Bachs Wohltemperiertem Klavier Teil 1 als Gesamtausgabe und nicht nur als Auswahl von Sätzen herauszugeben, bin ich genau genommen insofern gescheitert, als die 6 Hefte neben den 24 Fugen lediglich 22 Präludien enthalten. Der Grund: Gleich das berühmte 1. Präludium in C-Dur erhält seinen Klangzauber ja lediglich durch eine durchlaufende Kette arpeggierter Akkorde, die sich vielleicht auch für Harfe oder Gitarre eignen würden, aber eben nicht für ein Streicherensemble - es gibt hier keine «Stimmen»! Und das Präludium in B-Dur musste wegfallen, weil es sich um eine weitgehend einstimmige Toccata handelt.

Bachs Wohltemperiertes Klavier in einer Streicherfassung – wie passt das zusammen?
Schon Mozart hat bekanntlich Klavier- und Orgelfugen von Bach für Streicher übertragen. Die reine Polyphonie, das «Geflecht» aus durchgehenden Stimmen lässt dies problemlos zu. Aber auch in den Präludien, welche nach weniger strengen Regeln geformt sind, findet man meist nicht nur eine durchgehende Ober- und Bass-Stimme, sondern - zumindest bruchstückartig - auch Mittelstimmen. So lassen sich die allermeisten Sätze aufgrund ihrer polyphonen Struktur problemlos für Streicher (oder auch Bläser) umschreiben. Hinzu kommt, dass im Ensemble-Spiel - also jede Stimme durch Einzelspieler mit unterschiedlichem Instrument - das «Stimmengewebe» wohl noch eher verdeutlicht wird.


Wie sind Sie auf die köstliche Idee gekommen, Happy Birthday to you für Streichtrio im Stil bekannter Komponisten zu arrangieren?
Helmut Pfrommer (1939)
Happy birthday to you
für 2 Violinen und Bratsche

Schon in früheren Jahren waren mir - wahrscheinlich über Rundfunk - die Versuche «Happy birthday à la Händel, à la Chopin oder à la Brahms» usw. zu Ohren gekommen. Wir spielten schon mehrmals bei Festivitäten im Quartett die «Kleine Lachmusik frei nach Mozart» von Wolfgang Schröder vor. Es handelt sich dabei um Mozarts Kleine Nachtmusik, teils gekürzt, aber immer wieder mit geschickt eingebauten musikalischen Zitaten: Mal ein «Schnaderhüpferl», mal einige Takte Tschaikowski Violinkonzert, mal ein Jodler, mal der Anfang einer Rigoletto-Arie und anderes. Bei meinem «Happy birthday» habe ich es jetzt umgekehrt gemacht: Für die «Variationen» habe ich bekannte Beispiele von vier großen Musikern herangezogen, in die erst nach originalem Anfangsbereich das «Happy birthday» im entsprechenden Stil eingeflochten wird, aber immer wieder rückkehrend zu originalen Takten des jeweiligen Musikstücks.

Per 1. Januar 2020 haben Sie Ihren Verlag an Hansruedi Gräf verkauft. War es schwer, das eigene Kind loszulassen?
Ja, es war trotz großer Erleichterung auch wieder schwer, alles loszulassen. Doch war der Wechsel, vor allem wegen meines fortgeschrittenen Alters, nicht mehr zu verschieben. Und mir war wichtig, dass mein Verlag und meine Ausgaben dabei in gute Hände geraten sind.

Sind Sie immer noch musikalisch tätig? Womit beschäftigen Sie sich heute am liebsten?
Meine Frau und ich spielten noch bis Januar 2020 mehr oder weniger regelmäßig sowohl in einem Streichquartett als auch in einem Klavierquartett und einem Klaviertrio. Nun ist ja zurzeit die Kammermusik wie auch vieles andere durch Corona stillgelegt. Doch können wir dankbar sein, dass uns wenigstens noch die Duos für Violine und Viola bleiben.

Nützliche Links:

» zum Herausgeberprofil von Helmut Pfrommer
» zu den Ausgaben von Helmut Pfrommer
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Traditional

27 Klassische Weihnachtslieder

für Violine und Bratsche
Partitur und Stimme
arrangiert und herausgegeben von
Austin Boothroyd
mit Vorschau der ganzen Ausgabe

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Weihnachtslieder:
1. Angels from the Realms of Glory
2. Away in a Manger
3. Burnage Villa
4. Come all you Worthy Gentlemen
5. Coventry Carol
6. Christians, Awake
7. Ding Dong! Merrily on High
8. Es ist ein Ros' entsprungen
9. God Rest You Merry, Gentlemen
10. Good King Wenceslas
11. Hark! the Herald Angels Sing
12. In dulci jubilo
13. In the Bleak Mid-Winter
14. It Came Upon the Midnight Clear
15. O Come, All Ye Faithful
16. O du fröhliche
17. O Little Town of Bethlehem
18. Once in Royal David's City
19. See Amid the Winter's Snow
20. Stille Nacht
21. Sussex Carol
22. The First Nowell
23. The Holly and the Ivy
24. The Truth from Above
25. We Three Kings
26. We Wish You a Merry Christmas
27. While Shepherds Watched their Flocks
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Roger Faedi und editionfaedis
Seit 1980 beschäftigt er sich mit Farbklängen und Synästhesie und veröffentlicht Fotobücher. Als Bratschist spielte er lange Zeit in Kammermusik-Ensembles und Orchestern. Der Komponist Faedi lässt sich inspirieren von Malerei, Fotografie und Literatur.
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